Nervige Nachbarn - oder: Armes Deutschland!

Ich habe Nachbarn. Über mir. Manchmal, dank der leichten Altbauweise, vom Gefühl her aber direkt in meiner Wohnung. Ein russisches Ehepaar, das bei gutem Wetter mit Strohhut und City-Touring-Rad in’s Grüne fährt und das regelmässig überprüft, ob die Balkonpflanzen gut spriessen und gedeihen. Das Punkt 22 Uhr das gemeinschaftliche Innenhofrolltor verriegelt, aus Angst, es könnte jemand das Haus oder den im Keller gelagerten wertlosen Plunder klauen. Das pünktlich (da kann ich die Uhr nach stellen!) Samstag morgen um 9 Uhr mit dem wöchentlichen Hausputz anfängt - das Bad muss ja regelmässig wie ein Saustall aussehen. Zumindest könnte man das denken, so lange wie da der Staubsauger verweilt. Dazu gelegentlich Beethoven’s Fünfte auf voller Lautstärke.

Ausserdem wird da zu jeder Tages und Nachtzeit die Haustür nicht nur von aussen, sondern auch von innen mit größter Sorgfalt doppelt und dreifach verschlossen. Der Bitte, dies doch ebenfalls zu tun, bin ich bisher nicht nachgekommen und habe ich auch weiterhin nicht vor. Das fragende “Sind Sie nicht lernfähig?” konnte ich nur mit einem “Doch! Aber nicht paranoid!” erfolgreich abwehren.

Ich durfte das Schauspiel ja nun seit einigen Wochen beobachten und weiß zwischendurch nicht so recht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Da wird über jede Kleinigkeit gemeckert - sei es, dass mein Trockner abends vom Schlafen abhält (der steht zwei Etagen tiefer im Waschkeller!) oder ich mein Auto nach 22 Uhr nicht auf meinem (!) Parkplatz im Innenhof parken solle, da davon Frau Nachbarin wach werde, wenn der Wagen 8 Sekunden durch die Einfahrt schleicht. Da wird gnadenlos über Vermieter und Verwalter hergezogen - mit dem ich bestens auskomme, ja der sogar einen Teil meiner Renovierungskosten ohne Murren übernommen hat und auch meinem Wunsch für Anschlüsse für Trockner und Waschmaschine im alten Waschkeller nachgekommen ist - ohne Aufpreis. Vielleicht sollte man sich mal an das einfache Sprichwort “Wie man in den Wald hineinruft…” erinnern?

Kann ich einerseits gut auf Durchzug schalten und meine neue Wohnung mit Hochgenuss neu einrichten und erweitern, so mache ich mir andererseits Sorgen, ob ich hier nicht grade das Trauerspiel Deutschland auf den besten Plätzen erlebe. Solche Menschen ersticken ein soziales Miteinander im Keim und erwarten Klein- und Spiessbürgertum vom Rest der Gesellschaft. So scheint es zumindest. Andere “Lebensformen” scheinen meine Nachbarn jedenfalls sehr aus dem Konzept zu bringen.

Die Tage hatte ich das Vergnügen, wohlgemerkt von mir initiert, mit einem Teil der Nachbarsfamilie am Tisch zu sitzen. Dabei wurde mir bewusst: Die Unflexibilität und festgefahrenen Lebensvorstellungen sind der Grund für das Debakel der schlechten Laune hier. Schonmal beim Plus an der Kasse wen freundlich gegrüßt? Die kommen damit gar nicht klar. Meine Nachbarn irgendwie auch nicht, weshalb die meine Offenheit und lockere Mundart scheinbar ziemlich verwirrt haben.

Natürlich wurde mir von vielen Seiten nahegelegt: “Verständnis!” - oder - “Auch Du wirst mal älter…” - oder - “Das sind auch nur Menschen, die in Ruhe leben wollen…”. Aber mittlerweile frage ich mich, ob es in vielen anderen Haushalten in Deutschland ähnlich zugeht? Und es führt mir vor Augen, wie ich später mal nicht sein möchte. Und wie mein Leben nicht sein soll: Die Sportschau als Höhepunkt des Tages.


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