Medien machen.
Zwischen all unseren Projekte und Kunden gerät mein bisheriger Werdegang und die damit verbundenen Risiken und Entscheidungen in meinem Kopf immer mehr in Vergessenheit. Zwischen XHTML und ZMS finde ich leider kaum die Zeit, die Gedanken zu veröffentlichen, die ich eigentlich gerne an dieser Stelle über meine Arbeit in der Medienwelt zu sagen hätte.
Doch angeregt durch diesen Blogeintrag von Fräulein Pia kann und möchte ich ebenfalls Resümee ziehen. Allerdings darüber, nicht den Weg des “Multitalents” Mediengestalter gegangen zu sein.
Das soll in diesem Zusammenhang keinesfalls abwertend klingen und ich bewundere alle, die sich im stressigen Alltag des Jobs in der Medienwelt behaupten. Doch habe ich im Laufe meiner Arbeit - zuerst im Alleingang, später zu zweit und heute nun in der Agentur mit eigenem Auszubildenden als IT-Systemkaufmann - festgestellt, dass Papier geduldig ist und Medienrealität und Ausbildungsziele oft meilenweit auseinander liegen.
Vor etwa fünf oder sechs Jahren, das Ende der Jahrgangsstufe 12 in absehbarer Nähe, stand ich vor der schwierigen Entscheidung, meine schulische Bildung weiter in Richtung Studium weiterzuführen oder in die doch eher praxisbezogene Ausbildung umzuschwenken. Keine leichte Entscheidung. Man muss dazu wissen, dass mir zu der Zeit gewissermaßen die Decke auf den Kopf fiel. Als junger Rebell war ich das, was kein Lehrer gerne in der Klasse sitzen hatte. Ich wusste alles besser und wollte mir ungern in meine Entscheidungen reinreden lassen. Ich habe es weder mir noch meiner Umgebung sonderlich leicht gemacht und versuchte wo es ging meinen Dickkopf durchzusetzen. Zugegeben, das ist auch heute noch nicht viel anders. Ich behaupte allerdings gelernt zu haben, mir unterschiedliche Standpunkte und Einstellungen erst einmal von allen Seiten genau anzuhören und mir dann eine Meinung zu bilden.
Auslöser für meinen bisherigen Werdegang in der Medienwelt war dann jedoch tatsächlich das Angebot einer Video-AG und Online-AG am damaligen Gymnasium, welche mich in Kontakt mit bewegten Bildern und digitalen Welten brachten und mich regelrecht “in sich aufsaugten”. Danach ging es steil bergab, zumindest mit meinem schulischen Werdegang, der immer mehr von der Sucht nach “Medien machen” geprägt wurde. Im Nachhinein mit gemischten Gefühlen betrachtet war dies damals Chance und uneinschätzbares Risiko zugleich. So verbrachte ich, zum Leid meiner Lehrer, wesentlich mehr Zeit mit dem Bearbeiten der schuleigenen Webseiten, was damals noch außergewöhnlich selten war, in dem dafür eigens zur Verfügung gestellten Redaktionsbüro anstelle im Mathe-Grundkurs zu sitzen und die C’T zu lesen spannenden Gleichungen zu lauschen.
Bereits 2000 war aus dem “Medien machen” ein angemeldetes Gewerbe in Form einer GbR mit drei Gesellschaftern geworden. Allesamt aus dem schulischen Umfeld zusammengefunden, wurde bereits zuvor jede aufzubringende freie Stunde mit dem Ausbau der schuleigenen Online-AG zum mittelständischen Kleinunternehmen verbracht, Schulfeste wurden Online-Live-Berichterstattungen und so gipfelte dies einige Zeit später in der ersten offiziellen Online-Berichterstattung für das Musikfest am Ring in Köln, welche wir (was wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht absehen konnten), drei Jahre später immer noch alljährlich machen sollten - dann allerdings mit einem fünfzig Mann großen Newsteam, Sponsoren und schicken Autos. In anderer Form erlebte ich eine Art DotCom-Hype und -Fall. Denn der kam nach dem Knall. Und führte zur Auflösung der GbR und einem vorerst abrupten Ende meines jungen Daseins in der Medienwelt. Da die Schule unter diesem “dualen System” arg gelitten hatte stand ich also vor der schwierigen Entscheidung, wie es mit meiner Ausbildung und somit später beruflich weitergehen sollte.
Doch wer einmal Blut geleckt hat und wie ich von ganzem Herzen Medien macht kommt aus dieser Welt so einfach nicht wieder davon. Das im Unterricht vermittelte Wissen und meine Interessen gingen nach einiger Zeit soweit auseinander, dass ich kurzum die Entscheidung fällte: Da musst Du raus, volles Risiko und volle Fahrt voraus. Gerade volljährig, das Einflussvermögen meiner Eltern eher gering, kam bald der Auszug aus dem trauten Heim und der Zivildienst als EDV-Betreuer an einem Bonner Uni-Institut. Parallel verfolgte ich den Aufbau eines Kundenstammes mit kleinen, überschaubaren Projekten durch EDV- und Medien-Betreuung, wodurch ich mich finanzieren konnte und somit neben dem Zivildienst-Sold nicht abhängig von anderen werden musste. Viele, eigentlich fast alle dieser Kunden betreue ich, heute durch die amcm, immer noch und denke gerne und mittlerweile immer öfter an diese Anfänge und meinen in den Augen von Außenstehenden chaotischen Werdegang zurück.
Mein Credo damals wie heute: Den Kunden zufriedenstellen, aber nicht die eigene Seele an den Teufel verkaufen. Mit Qualität Geld verdienen und besser sein als die anderen. Nischen finden, Trends entdecken und grundsätzlich alles gegebene erst einmal anzweifeln - nicht, um überheblich zu wirken, sondern um Nachteile und Vorteile bestehender Techniken und Umsetzungswege zu erkennen und am Ende für den Kunden zukunftssicher das Optimum zu erzielen. Das alles immer mit Spaß an dem was ich mache und mit der Überzeugung, dass ich es nicht nur mache, um damit Geld zu verdienen, sondern um gemeinsam mit meinen Kunden Erfolg zu haben und um Dinge zu kreieren, zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Vor einigen Tagen bekam ich von einen Kunden meine Arbeitsweise erklärt: “Es gibt keine Probleme, nur Lösungen.”
Und ja, das fängt schon bei einem stabilen PC an. Nicht zuletzt war und ist es mir immer noch wichtig in allen Bereichen immer soweit wie möglich über den Tellerrand hinaus zu blicken und Alternativen zu kennen und als nützlich oder unbrauchbaren Quatsch einzuordnen. Hierbei spielt das von Pia erwähnte Bauchgefühl eine, wenn nicht die entscheidende Rolle. Ein gutes Screendesign berücksichtigt sicherlich viele Faktoren und bezieht viele Anforderungen in den Entstehungsprozess ein, doch am Ende bleibt es am Blick für das wesentliche hängen. Nicht selten entscheidet Bauch und Herz über Erfolg und Misserfolg einer Broschüre oder Webseite.
Bereits vor dem Eintritt in das an sich lockere Leben als Zivildienstleistender (etwa 2002/2003) hatte ich in den elf Monaten genügend Zeit mir über die Fragen über meine Weiterentwicklung nach eben diesen elf Monaten Gedanken zu machen. Schon in den Wochen und Monaten vor dem Beginn des Zivildienstes plagte mich während der Schulstunden im Englisch- und Deutsch-LK die Frage, wohin es mit mir gehen solle. Die Berufsfindungs-Termine (wer erinnert sich nicht gerne an BIZ und den Besuch vom Berufsberater in der Schule) vom Arbeitsamt waren ehrlichgesagt allesamt für die Katz und sagten mir eine glorreiche Zukunft in Richtung Industrie oder Forschung hervor. Mein Wunsch, in die Filmbranche zu gehen, wurde schon zu der Zeit müde belächelt - “Lieber was vernünftiges!” riet mir der Mann vom Arbeitsamt. Ob es der identische Wortlaut gewesen ist mag ich heute nicht mehr genau wissen, aber die Essenz bleibt die gleiche.
So informierte ich mich also zwischen Webseiten für Zahnärzte und Instituts-Novell-Netzwerk in jeder freien Minute über meine Möglichkeiten und stolperte auch über die Ausbildung zum Mediengestalter, sowohl Bild/Ton wie auch Digital/Printmedien. Damals beide frisch am Ausbildungsmarkt. So toll es klang war es schwierig an Erfahrungsberichte zu kommen und klare Aussagen über den Ablauf der Ausbildung zu bekommen. Selbst die IHK tat sich da etwas schwer. Also investierte ich meine Kontakte in Richtung WDR und sammelte Informationen über den Mediengestalter Bild und Ton, der sehr schnell als von der IHK gewünschte eierlegende Wollmilchsau abgestempelt wurde, die später alles ein bisschen, aber nichts so richtig konnte und eher als Kabelträger bevorzugt wurde. Ähnliches Feedback sammelte ich bei Druckereien und in Diskussionen mit angehenden Mediengestaltern zum Mediengestalter Digital/Printmedien. Am Ende der Informationsreise war ich allerdings auch nicht viel weiser als vorher und eine klare Entscheidung war nicht leicht und wurde im Grunde nie bewusst gefällt, sondern mir in gewisser weise einfach abgenommen. Durch unglaublich viel Glück wuchs mein Kundenstamm und so wurde das einsame Freelancer-Dasein zum tagesfüllenden Job, der mich etwas mehr als über Wasser hielt und mittlerweile dank einer glücklichen Zusammenführung in einer kleinen Agentur “geendet” ist, in welcher ich genau das machen kann, was ich immer wollte: Medien machen.
In den letzten fünf Jahren habe ich allerdings eines gelernt: Man kann nicht in allem gut sein und muss möglichst die eine Nische finden, in der man es sein kann. Man kann einfach nicht alles können, das geht nicht. Für mich war dies der Bereich der Online-Medien, der mich am meisten faszinierte und in dem ich mein Zuhause gefunden habe, weshalb ich den EDV-Bereich und auch die Printmedien nach und nach zur Seite lege oder an andere Agenturen auslagere.
Pias Worte bestätigen allerdings nun, was ich damals als Bauchgefühl in meiner jugendlichen Naivität wahrgenommen habe und als Entscheidungsgrundlage unterbewusst genutzt habe. Der Mediengestalter, im speziellen Digital- und Printmedien, wirkte auf mich unausgereift und wie der Versuch, Kreativsein durch Schulbücher einzupauken und Rundum-Medien-Maschinen auszubilden, welche aber rein durch die Ausbildung noch nicht überlebensfähig sein würden. Der Online-Bereich an sich ist ja schon so überdimensional, wie soll da eine Person alles auf einmal überblicken? Wer sich die Liste der zu vermittelnden Inhalte durchliest wird sich, sofern er selber bereits einige Zeit in den Medien unterwegs ist, am Kopf kratzen und überlegen, was man nun als Ratschlag an Suchende geben soll, die vor der Entscheidung stehen Mediengestalter ja/nein. Hier wird Wissen angekratzt, doch fundierte Grundlagen können meines Erachtens nur schwer vermittelt werden. Das fundierte Wissen kann nur praxisbezogen im Betrieb vermittelt werden, der früh genug den Auszubildenden in eine bestimmte Richtung leiten sollte, statt den hoffnungslosen Versuch voranzutreiben, Universalgenies auszubilden. Der Auszubildende soll nicht Fachidiot werden, aber muss eben auch nicht Alleskönner sein. Wie sehr würde ich mir nämlich derzeit einen Spezialisten in unseren Onlineteam wünschen, der nicht pauschal “alles kann und alles weiß” und am Ende den selben Einheitsbrei produziert, wie es viele große Agenturen tun. Weil es in der Ausbildung so vermittelt wurde und alle so machen.
Ich verstehe den Mediengestalter als Sprungbrett in die Medienwelt, aber eben oft auch als schriftliche Bestätigung für das, was viele Mediengestalter schon vor Beginn der Ausbildung in eigenen Erfahrungen an Know-How gesammelt haben.
Letztlich wird selten die Ausbildung als Mediengestalter über Erfolg oder Misserfolg der eigenen Karriere entscheidend sein. In der Medienwelt zählt allem voran Eigeninitiative und die Fähigkeit, auch mal über den eigenen Schatten springen zu können. Neues probieren, neue Welten entdecken und offen sein für Kritik und Verbesserungsvorschläge, ohne dabei direkt das eigene Ego ankratzen zu lassen. Begierig, neues Wissen aufzunehmen und durch die eigene Arbeit zu wachsen, die eigene Qualität “learning by doing” Schritt für Schritt zu steigern.
Mit Herz und Seele das machen, was einem am meisten Spaß macht: Medien machen!
Das kann die Ausbildung zum Mediengestalter nicht beibringen, das muss man mitbringen und eigenständig fördern. Eigeninitiative ist hier das Stichwort, das am Ende aus dem Wust der Begriffe hervorsticht.
Mediengestalter ist, was Du draus machst.
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- Published:
- 12.03.07 / 2am
- Category:
- Medienwelt, So war's...
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